Allenthalben brandet statistischer und medialer Jubel auf – anscheinend ein „Jahrhundert-Sommer“ der Rekorde für den österreichischen Tourismus. Die ganze Euphorie erscheint freilich eher inszeniert und lenkt von wesentlichen ungelösten und sich immer stärker zuspitzenden Problemen in der Realität der österreichischen Tourismuswirtschaft ab. Dazu sechs unbequeme, aber – wie zu befürchten ist – nachhaltige Wahrheiten:

Wahrheit 1:

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: ein guter Juli und August sind nicht „sensationell“, sondern schlicht notwendig. Vor 20 Jahren sprach man von „Hochsaison“ und die musste ohnehin „vollbelegt“ sein, sonst war der Rest des Jahres wirtschaftlich nicht auszuhalten. Das ist prinzipiell auch heute noch so, selbst wenn das manche zu vergessen scheinen. Der „Sommer“ hat statistisch 180 Tage – der Winter übrigens ebenso – an denen sich etwas „drehen“ muss und nicht nur ein paar – mit Glück heuer mal wetterbegünstigte – Hochsommerwochen. Tourismus ist ein Marathon und kein 100 Meter Lauf!

Wahrheit 2:

Hauptprofiteur einer guten Tourismus-Saison ist längst nur mehr der Vertrieb, nicht aber das investitionsgeplagte Unternehmen vor Ort: die eigentlichen Gewinner im Tourismus heißen heute Booking oder Google, nicht „Goldener Ochs“ oder „Alte Post“: die Vertriebsprovisionen liegen mittlerweile bei 15% bis 35% der Preise und fressen jeden Reinvestitions-Spielraum der Betriebe auf, die damit längst ihr elementarstes Gut, die Preissouveränität verloren haben. Mittlerweile ist die mit der seit 2008 herrschenden Dauerkrise einhergehende „Niedrigzinsphase“ fast schon ein Glück, das viele Betriebe die herrschende Provisionsschlacht mit den Vertriebssystemen noch wirtschaftlich überleben lässt. Das Problem dahinter: die Zinsen für Kredite steigen irgendwann auch wieder, ohne dass die Provisionen sinken werden – eine fatale Schere, die sich da auftut.

Wahrheit 3:

Wer Nächtigungszahlen zur Maßzahl für touristischen Erfolg macht, hat noch immer nicht verstanden: die landläufige österreichische Tourismusstatistik tickt nachwievor in „Ankünften“ und „Nächtigungen“ – je mehr, desto erfolgreicher. Diese „Erfolgsparameter“ sind heute falscher denn je, ohne dass das „offizielle Österreich“ aufhören würde, sie gebetsmühlenartig als Indikator zu nennen: was nützt eine „Nächtigung“ ohne fairen Preis und ohne Wertschöpfung, was eine internationale „Power-Ankunft“ für 1 Nacht angesichts der dadurch bewirkten negativen externen Effekte und Belastungen für das gesamte Umfeld. Der Wechsel auf die Ermittlung nachhaltiger wertschöpfungsbasierter Kennzahlen (die man eigentlich längst kennt und auch ausrechnen könnte) und deren aktive und auch für Normalsterbliche verständliche Kommunikation und Verankerung in allen Köpfen ist seit Jahren überfällig. Der Erfolg eines Aluminium-Produktionsbetriebes würde ja auch nicht an der Anzahl der produzierten Reißnägel gemessen…

Wahrheit 4:

Das Angebot wächst landauf landab weit stärker als die Nachfrage, der Wettbewerbs- und Preisdruck ist in Konsequenz enorm, für Betriebe „in der Mitte“ mittlerweile unaushaltbar: selbst wer Wahrheit 3 negiert muss eingestehen, dass die Nachfrage nicht Schritt hält mit dem Angebotswachstum. Neue Betriebe entstehen noch immer in großer Zahl – in den Städten wie in den Feriendestinationen – und bedeuten zunächst Verdrängung und Preiskampf; die freilich nicht nur – dies wäre ja in einer Marktwirtschaft vertretbar – zu Lasten des „Mittelmaßes“, sondern eben auch innerhalb der als „neue Zukunft“ gefeierten Segmente „Budget Design“ bzw. „Luxus“ wird herzhaft Kanibalisierung betrieben. Wahrheit 2 macht dieses Wettrennen dabei noch blutiger.

Wahrheit 5:

Innovation ist etwas gänzlich anderes als Investition: alles spricht von Innovation, aber kaum einer hat verstanden, dass das etwas anderes ist als „Investition“ in Hardware. Spezialisierte Themenhotels überbieten sich gegenseitig – je nach Profilierung – in immer noch größeren Saunaanlagen oder Kinder Playlands – der usp wird in m² ausgedrückt, nicht in Dienstleistungs-Exzellenz und hält damit genau bis übermorgen. Software-Innovationen bleiben die Ausnahme, oberflächliches „copy&paste“ bleibt die Therapie der Wahl zu vieler Anbieter. Software-Innovationen und der Aufbau eines echten unverwechselbaren „service design“ sind mühsam und anstrengend, Bauen ist da vergleichsweise leicht, befriedigt so manches Ego und befeuert die „Neid Rendite“.

Wahrheit 6:

Wer Wahrheit 1-5 noch überlebt, dem gibt die Republik den Rest mit wahnwitzigen Rahmenbedingungen: Mehrwertsteuer-Erhöhung, Abschreibungsdauern, Grunderwerb- und Schenkungssteuer, Rauchergesetzgebung und Registrierkasse – die Republik lässt aktuell nichts aus, was die Branche nicht noch weiter in Bedrängnis bringen könnte. So also sieht „Exportförderung 3.0“ made in Austria 2015 aus.

Diese 6 Wahrheiten bilden die Zutaten eines fürwahr „toxischen Cocktails“ – das Gegengift bestünde aus gerade 3 davon: man nehme echtes Entrepreneurship statt „copy&paste“, dazu eine öffentliche Hand mit befeuernden Rahmenbedingungen und mixe dies mit einem ordentlichen Schuss regionalem und betrieblichem Eigen-Marketing!

Rückfragehinweis

conos gmbh
Christina Bamberger
Tel.: +43 (0)732 21 6000
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